Gottgläubig != gottesfürchtig != gotteshörig

Mir ist aufgrund einiger Debatten zwischen “Christen” und “Atheisten” welche ich im Internet und außerhalb verfolgt habe, aufgefallen, daß es offenbar eine leichte Begriffsverwirrung unter den Gläubigen gibt. Nunja, ich bin Atheist, aber wenn sich ein Gott oder eine hübsche Göttin 😉 – welche/r auch immer – höchstpersönlich blicken ließe, könnte ich mich wahrscheinlich auch dazu herablassen an die erschienene Gottheit zu glauben. Wobei es in diesem Falle ja nicht mehr so sehr eine Glaubensfrage wäre wie es das jetzt bspw. im Hinblick auf den Gott der Christen ist. Allerdings könnte man sich jetzt fragen was genau einen Atheisten überzeugen würde, daß es sich bei einer erschienenen Gottheit um eine Gottheit und nicht um eine technisch überlegene “außerirdische” Spezies handelt – aber das geht jetzt zuweit.

Also, nehmen wir, wie schon erwähnt, an, daß eine Gottheit höchstpersönlich erschiene und ich mich im nüchternen Zustand befinde und in Anerkennung der Umstände einsehe, daß es sich wohl um eine Gottheit handeln muß: Dann bin ich also plötzlich ein Gläubiger (ohne daß jemand Schulden bei mir haben müßte) aber nicht zwangsläufig religiös oder eben gar gottesfürchtig.

Auch wenn auf Island allgemein wohl eher das Weichspülchristentum protestantischer Geschmacksrichtung populär ist, trifft man hier nicht wirklich oft religiöse, bzw. bekennende, Menschen. Manchmal aber eben doch. In meinem Fall handelte es sich um einen Osteuropäer, der sich der rechtgläubigen (“orthodoxen”) Kirche zugehörig fühlt. Der erklärte mir, daß die Religion eine wichtige Rolle in seinem Leben spiele, der orthodoxe Glaube der einzig richtige sei (sagt der Name ja schon), er die katholische Kirche besuchen würde wenn es keine orthodoxen Versammlungsorte gäbe, daß Luther wohl in der Hölle schmore für seinen Verrat am Christentum, daß die orthodoxe Kirche den Glauben noch am reinsten sei und so weiter und so weiter. Bis auf die Tatsache, daß ich Atheist bin, habe ich mich weiterer Kommentare enthalten, um sein Weltbild nicht ins Wanken zu bringen. Auch den Beschluß des ersten Konzils von Nicäa, daß Vater, Sohn und heiliger Geist die Dreieinigkeit bilden, ließ ich mal lieber unter den Tisch fallen um ihm die Reinheit seines Glaubens zu lassen. Unstimmigkeiten, wie die Tatsache, daß die Evangelien erst mindestens eine Generation nach dem Tod des Herrn Jesus (nimmt man an es gab ihn wirklich) verfaßt wurden und daß die damals noch einige Kirche mal schwuppdiwupp auswählte was denn da in den Kanon gehört und was mal lieber nicht (Stichwort: Apokryphen), wollten mir garnicht erst in den Kopf kommen, so sehr bemühte ich mich eine Erwiderung zu unterdrücken.

Daß Gottesfurcht eben den Stamm “Furcht” hat, sollte jedem klar sein und auch für einen Erstklässler keine sonderliche Geistesleistung sein. Der Himmel wäre ja auch nicht halb so verlockend, würde den Sündern nicht noch die Hölle drohen. Und die wird bekanntlich in buntesten Farben schon seit dem Mittelalter beworben. Glücklicherweise hatten irgendwelche Theologen auch die tolle Idee, daß es wegen Adam und Eva eine Erbsünde zu begleichen gäbe und daß gleichzeitig Jesus für diese und alle zukünftigen Sünden ans Kreuz genagelt wurde und für uns gebüßt hätte, andererseits aber mindestens der Gottesglaube und die Gottesfürchtigkeit notwendig wären um in den Genuß dieses Sündenerlasses zu kommen … immer dieses vermaledeite Kleingedruckte. Na was soll’s.

Angst spielt also eine gehörige Rolle. Das bejahte auch mein religiöser Gesprächspartner und meinte, daß das Ideal irgendwo zwischen Angst und Glaube liege. Nunja, wie groß der Glaube ist, dürfte mal völlig irrelevant sein, wenn dank Angst der Zwang zu glauben ausgeübt wird. Aber zurück zu mir als “bekehrtem” Atheisten.

Würde nun also beispielsweise Aphrodite höchstpersönlich auftauchen, würde sie sicher nicht nur mich mit ihrer Schönheit verzaubern, aber heißt das, daß man sich gleich darniederwerfen müßte um ihr zu huldigen? Nunja, kommt drauf an. Da Göttlichkeit zumindest nach allgemeinem Konsens eine gewisse Macht beinhaltet, könnte sie sicher erzwingen, daß man ihr huldigt. Huldigung wiederum wären Gebete1, Opfer und was nicht sonst noch alles. Diese Huldigungen zu tätigen wäre wiederum gotteshörig. Ist der vorgenannte Zwang von einer Natur, daß ich Sanktionen zu erwarten habe, weil ich ihr nicht huldige, gesellt sich zur Gotteshörigkeit noch die Gottesfurcht.

Nun sind im Christentum die Sanktionen (Hölle, Fegefeuer) weder überzeugend noch ist der Rest des Glaubens sonderlich konsistent (was will man bei dutzenden verschiedenen Autoren auch erwarten). Dennoch gibt es gesagte Gottesfurcht und auch eine Gotteshörigkeit, wobei – und das ist das eigentlich traurige – die Subjekte mit denen “Gott” zu “sprechen” pflegt auch die einzigen Zeugen solcher Unterhaltung sind. Glücklicherweise sind Gläubige schonmal per-se leichtgläubig genug um an einen alten wohlgesonnenen Mann mit Rauschebart zu glauben, so daß Scharlatanen der zuvor beschriebenen Art das Spiel nur allzu leicht fällt und sie ihre Schäfchen schön “blankscheren” können. Alles in allem erscheint speziell das Christentum wie eine “Ewiges-Leben-Versicherung” mit einer Menge unabhängiger Versicherungsvertreter, einer ungeschriebenen Versicherungspolice und keiner Chance den Anspruch jemals einzufordern.

Auch scheint den meisten religiösen Fanatikern tatsächlich der Glaube an ihren jeweils allmächtigen Übervater zu fehlen, da sie lieber auf Nummer sicher gehen und mit einem “Du sollst nicht töten” auf den Lippen jedem Ungläubigen fröhlich die Kehle durchschneiden. Als könne ihr Gott das nicht selbst noch für die angedrohte Ewigkeit im Heizungskeller nach deren natürlichen Tod organisieren. Auch eingebürgert haben sich Flüche ala “du sollst in der Hölle schmoren”. Hmm … Schmorbraten :mrgreen:

Was mich also aufregt an der gesamten Diskussion ist, daß sie doch viel tiefschichtiger ist, auch wenn bei religiösen Menschen die Begriffe gottgläubig, gottesfürchtig, gotteshörig synonym verwandt werden. Sie sind keinesfalls synonym, sondern es ist der Gruppenzwang, der Zwang der Konventionen und des Glaubens, bzw. der Furcht vor den Konsequenzen des Nicht-Glaubens, welche sie als synonym erscheinen lassen.

// Oliver

  1. … von denen George Carlin im Hinblick auf den abrahamitischen Gott meinte, daß es ein Unding sei, daß dieser die meisten Gebete am Sonntag, seinem freien Tag, zu hören bekomme. []
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1 Response to Gottgläubig != gottesfürchtig != gotteshörig

  1. Chris says:

    Die Lösung ist so einfach!
    Wir müssen nur beweisen, dass Energie ein Bewusstsein hat. Und da so ziemlich alle religösen Schriften behaupten, dass Gott überall und alles ist – haben wir Gott gefunden. Und da Energie == Masse (ha Einstein!) müssen wir nicht lange suchen.

    Und da jeder der behauptet Gott zu sein, auch noch Recht hat (besteht aus Energie und/or Masse), könnten wir eigentlich jeden und alles anbeten. Schließlich ist jeder und alles Gott.

    Ich z.B. bete jeden Tag meinen PC an:
    “Lieber PC
    Bitte funktioniere heute. Mache mir keine Probleme, die mich von meiner Lieblingsarbeit abhalten. Und sollte die echte Arbeit langweilig werden, dann stürze bitte ab. Aber bitte lasse meine Lieblingsarbeit in Frieden ruhen.
    Amen”

    Sollten wir doch mal Außerirdische treffen, die sich als Gottheit ausgeben und uns versklaven wollen, empfehle ich die komplette Stargate SG-1 Staffeln (1-10). Da steht, wie es geht.

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