Im Dezember 2025 wurde die Sendung »Die 100 – was Deutschland bewegt« unter dem Titel »Ist Deutschland zu woke?« vom WDR ausgestrahlt. Dabei wäre doch »Ist der ÖRR zu aktivistisch« oder direkt »Ist der ÖRR zu woke?« ein viel naheliegenderes Thema gewesen. Aber vermutlich wußten die verantwortlichen Redakteure, daß die Antwort dort zu eindeutig gewesen wäre. Wobei natürlich »zu woke« auch immer ein wenig subjektiv sein wird.
Ingo Zamperoni moderierte, Linda Zervakis vertrat die Position Deutschland sei zu woke und Ralph Caspers die gegenteilige.
Ab ca. Minute 13:00 Uhr entspann sich ein — für mich als gebürtigen DDR-Bürger — faszinierender, bekannter und ernüchternder … nun, nennen wir es einmal großzügig Dialog nach dem wohlbekannten Schema »Fresse, Ossi!«.
Zu Wort meldete sich Anja Rogge, 53 Jahre, Berlin, Sachbearbeiterin:
Äh ich würde auch gern noch meinen Senf dazugeben wollen.
Mich erinnert das so ein bißchen an die alte DDR. Man hat uns da auch versucht irgendwie zu …
Unterbrechung vom Moderator:
Sie haben sie kennengelernt?
Frau Rogge zuerst verunsichert, dann fast stolz:
Ja … äh … ja. Ja.
Rückfrage vom Moderator:
Sie sind DDR-Bürgerin gewesen?
Frau Rogge:
Ich war sehr klein, aber man wurde auch schon dahin — sag ich mal — erzogen, daß man nicht alles machen durfte, konnte, wie man wollte.
Buzzer für Widerrede wird gedrückt. Offenbar eine Regel des Formats und ja generell ne gute Idee, wenn man in ein Gespräch kommen und es nicht bei Monologen belassen will.
Frau Rogge fährt fort:
Man hatte dann Vorgaben gemacht, was man anziehen darf beim Fasching als Kind und was nicht. Und ich finde wir sind an so einem Punkt in Deutschland angekommen: es fängt wieder an wie früher. Und ich hab keinen Bock mehr drauf.
Widerrede von Lena Hüther, 29 Jahre, Göttingen, Lehrerin:
Ich möchte nur kurz einmal anmerken, daß wir vielleicht nicht die DDR als Vergleich heranziehen sollten. (Applaus) Ähem, das ist meine einzige Anmerkung. Ich, ich das … ich bin, ich hab auch Geschichte studiert, ich bin Geschichtslehrerin und das … also da …
Moderator:
Okay
So wenig eloquent Frau Rogge argumentierte — wenn auch in der Sache ohne Frage richtig — so dümmlich und undurchdacht war die Entgegnung.
Die DDR sollte man also nicht als Vergleich heranziehen. »Aha? Wes Grundes?«, fragt sich der gelernte DDR-Bürger.
Keine Angst, so ziemlich jeder ehemalige DDR-Bürger und auch jene die erst in den frühen 1990ern geboren wurden, haben direkt oder indirekt — über die Erfahrungen der Eltern — Beispiele für »Besserwessis« 1 erlebt.
Frau Rogge ist offenbar um die 6-7 Jahre älter als ich. »Sehr klein« war sie damit also nicht 2. Selbst ich habe die DDR schon ziemlich bewußt miterlebt bis zur Sozialisierung als Thälmann-Pionier. Ihre Aussagen kann ich bestätigen. Wobei es schon einen Unterschied machte ob man in einer Großstadt wie Ostberlin oder in der Provinz aufwuchs. Und auch nach »der Wende« war nicht alles über Nacht anders. Vieles aber wiederum schon 3. Aber weder Frau Rogge noch ich müssen uns von einer Person, die ihr Studium zur Geschichtslehrerin als dümmliches Autoritätsargument ins Feld zu führen versucht, »westsplainen« lassen wie die DDR war.
Frau Hüther stünde etwas Demut und die Bereitschaft zuzuhören sicherlich besser zu Gesicht.
Wenn Frau Rogge aus ihrer DDR-Erfahrung berichtet und auch noch in dieser Weise, sollte die »woke« Seite zumindest einmal aufhorchen! Sie hat nämlich einen kleinen Vorsprung: sie hat zwei Gesellschaftssysteme erster Hand erlebt. Ihr Zeugenbericht gepaart mit dieser »Außensicht« auf das aktuelle Gesellschaftssystem erlaubt allemal eine objektivere Sicht der Dinge als aus einer Sicht geschriebene Geschichtsbücher oder deren Studium. Einem Fünftel der Bevölkerung deren Geschichte abzusprechen, zumal bei einer so wichtigen Fragestellung, ist schon ein starkes Stück. Leider ist es aber weder neu noch etwas das einen Aufschrei hervorrufen würde.
Also, Frau Hüther, wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten?! Wie wäre es stattdessen mit ein wenig »Critical Westdeutschness« 4?
Kleiner »Fun Fact«, den Sie im ÖRR eher selten finden werden: damals in der DDR herrschte Jahrzehnte früher Gleichberechtigung für Frauen. Die DDR schickte auch den ersten Deutschen ins All. Aber hey, Schwamm drüber: war ja alles ausnahmslos schlecht in der DDR! Sie wissen das schließlich aus Ihren Geschichtenb… pardon Geschichtsbüchern! In Ihrem Alter können Sie sich sicher noch an KiKa erinnern. Dort wurden die Rollenbilder der Frau vor einem Jahr 5 auch anhand der Rollenbilder der Frau in der BRD der 1950er und 1960er erläutert. Daß ein Fünftel der heutigen Bevölkerung eine andere Geschichte hatte, kam da nicht einmal als Nebensatz vor. Und in der BRD war damals die Welt ja noch in Ordnung. Vati konnte damals darüber entscheiden ob Mutti eine neue Frisur machen lassen durfte, konnte ihren Arbeitsvertrag kündigen und im CDU-nahen Milieu war das Motto KKK kein versteckter Verweis auf US-Rassisten in weißen Kutten, sondern der Verweis auf die wichtigsten Aufgaben einer Frau in konservativer Weltsicht: Kinder, Küche, Kirche. Ganz wie zu Kaisers Zeiten … oder in einem Loriot-Sketch.
// Oliver
PS: Es ist einerseits traurig, wie Menschen, die sich für äußerst aufgeklärt zu halten scheinen, eine Ignoranz an den Tag legen die nur schwer erträglich ist. Andererseits ist Frau Hüther damit nur ein gutes Beispiel jenen Durchschnitts den jeder deutsche Bürger mit DDR-Hintergrund in irgendeiner Form schon erlebt hat.
- Um es vorwegzuschicken: ich kenne doch einige gegenteilige Beispiele, aber die Gegenbeispiele haben dem Rest etwas voraus. Sie waren zumeist ohne »Dschungelzulage« schon einmal in den unverbrauchten Bundesländern. Und auch wenn der erste Besuch vielleicht nicht vorurteilslos verlief — was sicher beiderseitig der Fall gewesen ist — so hatten diese Mitmenschen aus den gebrauchten Bundesländern offenbar eine Offenheit, die der Mehrheit auch heute noch abgeht.[↩]
- 53 – 35 = 18[↩]
- … bspw. dürfte es kaum einen Schüler aus dieser Zeit gegeben haben dessen Eltern nicht selbst oder wo die Eltern eines Freundes nicht von Arbeitslosigkeit betroffen gewesen wären.[↩]
- … dazu »Critical Westdeutschness bzw. Was ist ein Jägerschnitzel?« von Corvin Drößler[↩]
- 2025-03-09[↩]