Niedlich

Spiegel Online hat eine Artikelreihe (1, 2, 3, 4, 5) auf welche ich aufmerksam gemacht wurde. Vorweg, von den DM-Fragen im ersten Teil konnte ich nur die mit dem 50-Pfennigstück nicht korrekt beantworten.

Nach den Fragen geht es weiter mit den Mythen – so der O-Ton des Spiegel (zitiert):

  1. Die Deutschen sind ja nie gefragt worden, ob sie den Euro wollen.
  2. Der Euro ist eine viel schlechtere Währung als die D-Mark.
  3. Europa ist, wenn Deutschland zahlt und alle anderen profitieren.
  4. Die Währungsunion lässt sich problemlos wieder auflösen.
  5. Die europäische Integration funktioniert auch ohne den Euro.

Mal vorweg meine Gedanken dazu:

  1. Die Deutschen sind in der Tat nie direkt befragt worden. Die Äußerungen Deutschland sei eine repräsentative Demokratie, weshalb dies nicht nötig sei, gehen meilenweit an der Diskussion vorbei.
  2. “Viel” ist ein relativer Begriff und hat damit in einer Diskussion ohne Einordnung in eine objektivierbare Größe nichts zu suchen. Schlechter ist der Euro als Währung allerdings. Und auch ein wenig beachteter Fakt über den Euro: der griechische Euro ist weniger stark als der deutsche. Nur durch den gesetzlichen Rahmen wird dies sozusagen zwangsgeglättet.
  3. Diese Einschätzung teile ich nicht. Allerdings ist das Argument, Deutschland würde vom Euro am meisten profitieren wiederum äußerst fragwürdig. Denn hier werden Annahmen auf der Basis eines stabilen Euros gemacht. Ohne Edelmetallbindung ist aber keine Währung auf Dauer stabil.
  4. Daß man die Währungsunion einfach auflösen kann, bezweifele ich stark. Stimme hier also mit dem Autor überein.
  5. Daß die europäische Integration auch ohne Euro funktioniert, weiß man von den Jahrzehnten vor dem Euro. Aber es mag sein, daß der Euro sozusagen ein identitätsstiftender Katalysator für diesen Prozeß ist.

Gehen wir nun zu einzelnen Passagen über:

Der Bundestag hat die Maastrichter Verträge passieren lassen. Hätten die Bürger das verhindern wollen, hätten sie andere Volksvertreter wählen müssen.

Diese Aussage finde ich besonders zynisch, wenn man sich die sogenannte Parteienlandschaft und die Mechanismen der sogenannten repräsentativen Demokratie in Deutschland anschaut. Abgesehen davon kann man mit derlei Aussagen so ziemlich alles kleinreden. Da die Bürger aber nie direkt gefragt wurden und ohnehin nie themenbasiert befragt werden, ist es eben besonders zynisch derlei schnippische Bemerkungen zu machen. Aber eigentlich habe ich gegen Zyniker ja nix – bin selber einer. Wann hat denn der Autor der Artikelreihe zuletzt über die Themen der Parteien welche er bewußt wählt oder nicht wählt nachgedacht? Sobald man mehr als ein Thema hat, ist man meistens schon an dem Punkt wo nur noch die Wahl des geringeren Ãœbels bleibt. Was will uns der Spiegel denn eigentlich damit sagen, daß die Mehrheit der Bevölkerung zwar ein Wahlrecht genießt und es auch wahrnimmt, aber sich zuvor nicht richtig informiert? Aber das wissen wir doch schon. Gegen Afghanistaneinsatz und gegen Atomkraft? Dann wählt man doch die CDU. Es ist nicht umsonst die Partei der Senioren. Geistige Umnachtung spielt eben bei C-Parteien eine besonders wichtige Rolle. Dank Altersmilde vergibt die Klientel nach der Wahl auch nicht gehaltene Versprechen. Wie praktisch.

Dies sollte man im Hinterkopf haben. Auch wenn die D-Mark rückblickend zweifellos ein großer Erfolg war und Deutschland Wohlstand und Stabilität brachte. Nur bedeutet es eben noch lange nicht, dass der Euro deshalb die schlechtere Währung ist.

Das ist richtig. Aber das ist auch nicht das Argument welches von Kritikern als Begründung für die Behauptung der Euro sei schlechter angebracht wird.

Dass eine stahlharte Währung besser ist als eine butterweiche, daran besteht kein Zweifel. Ob der Euro weniger Preisstabilität gebracht hat als die D-Mark, lässt sich allerdings nicht am Bier- und Joghurtpreis festmachen.

Haha! Clown gefrühstückt? Inflation läßt sich ohnehin schwerlich am Preis festmachen. Denn innerhalb des Systems Zaubergeld (aka “fiat money”) kann man soetwas kaum bewerten. Dazu müßte man eine unabhängige Größe haben. Der wahrgenommene Preisanstieg ist ein Symptom der Inflation liebe Spiegelaner. Da habt ihr mal einen Mythos über welchen ihr eure Leserschaft aufklären könnt. Vonwegen Inflation ist gleichbedeutend mit Preisanstieg. Welch ein Unsinn. Der Preisanstieg ist das mehr oder weniger sichtbare Symptom des Wertverfalls der Währung – eben der Inflation. Wobei der Wortsinn von Inflation (Englisch- oder Lateinkenntnisse sind hier hilfreich) auch einen Hinweis gibt – allerdings geht es dabei um den Anstieg der Geldmenge und die damit verbundene Verwässerung des Geldwertes, nicht um den Anstieg des Preises. Wenn ich eine Suppe mit Wasser strecke geht das auch eine Weile gut und erst nach einer gewissen Menge wird man einen spürbaren Geschmacksverlust feststellen. Und diejenigen welche ihren Teller schon gefüllt haben bevor ich mit dem Verdünnen beginne, merken ohnehin nichts.

Das obige Zitat hat aber noch einen Hinkefuß – denn den “Warenkorb” an dem die Inflation gemessen wird, den stellt man sich nach gusto zusammen. Folglich handelt es sich nicht um ein objektivierbares Ergebnis. Jeder fälscht halt seine eigene Statistik.

Und darüber daß der Euro in den verschiedenen Ländern der Eurozone verschieden hart oder weich ist, darüber haben wir damit noch nichtmal geredet.

Nach einer Analyse des Bundesverbands deutscher Banken lag die Inflation in Deutschland […]

Nach Meinung der Frösche sollte der Sumpf bitte nicht ausgetrocknet werden!

Schade daß es keinen Smiley für “Hand auf Stirn klatschen” gibt :???: … etwas anderes fällt mir dabei nämlich nicht ein. Wenn sich ab jetzt jeder selbst bewertet, werden die Gehälter und Löhne wohl demnächst deutschlandweit dramatische Sprünge nach oben machen. Nichts anderes machen doch die Banken mit solcherlei “Einschätzungen”, oder?

Dies bedeutet: Der Euro notiert derzeit nur unwesentlich unterhalb des Allzeithochs der D-Mark.

Ich vergleiche auch immer Kies vom Strand mit dem im Sandkasten. Ist sehr erbaulich. Übrigens: nachts ist es kälter als draußen.

Kein Staat profitiert so von der europäischen Integration und der gemeinsamen Währung wie Deutschland.

Wußte ich doch, daß man auf diese alte Leier nicht verzichten möchte …

Hier wird wiederum auf der unbewiesenen Annahme aufbauend, daß der Euro eine äußerst stabile Währung sei, die Annahme getroffen daß – vereinfacht gesprochen – der Geldfluß ins Land im Gegenzug für Sachwerte ins Ausland etwas Positives sei.

Gerade einmal jeder fünfte Bundesbürger glaubt, die Mitgliedschaft im Staatenbund mit den zwölf Sternen bringe mehr Vor- als Nachteile.

Ach? Das kommt jetzt aber überraschend. Wo doch die EU eine durch und durch demokratische Sache ist. Sozusagen eine noch repräsentativere Demokratie als Deutschland, weil das EU-Parlament noch weniger als die Gegenstücke in den diversen Nationalstaaten zu sagen hat. Und weil sich die Macht und die Willkür auf noch weniger Köpfe verteilt.

Es ist nur ein wenig entlarvend, daß der Spiegel hier versucht mit einer eindimensionalen Betrachtungsweise einen selbstgeschaffenen Mythos zu untermauern um ihn danach widerlegen zu können. Ist doch klar, daß sich die Ablehnung “der EU” nur auf den Euro als Thema beschränkt. Auch ist das Bürokratiemonster in Brüssel ohnehin mit der europäischen Idee gleichzusetzen, weswegen ein Gegner des einen auch Gegner der anderen sein muß. Die Tatsache daß das EU-Parlament konsequent von der EU-Kommission ignoriert wird oder daß die nationalen Regierungen EU-Erlässe als Strohmann hinstellen und behaupten sie hätten mit deren Entstehung ja nichts zu tun, obwohl die nationalen Fachminister genau diejenigen sind welche den Dummfug gemeinsam verzapfen, hat sicher nichts mit der Ablehnung der EU als Institution zu tun. Niemals nicht! Es muß der Euro sein, weil es so schön paßt und man ansonsten nur magere Argumente hätte.

Ein Beispiel? Bitte: Es existiert nur deshalb eine junge Generation, die Billionen Euro erbt, weil es erstmals seit Langem wieder Eltern gibt, deren Vermögen nicht durch Krieg oder Inflation zerstört wurde.

Oh, ups. Dieses Zitat ist nur aus Versehen hier hineingeraten. Ich fühle mich davon nicht betroffen. Ein Glück. Wüßte ja mit dem Geldsegen nichts anzufangen. Zumal ich Zaubergeld ja ohnehin für intrinsisch wertlos halte …

Aber ein beträchtlicher Teil der Gemeinschaftsausgaben hat geholfen, aus unterentwickelten Volkswirtschaften wohlhabendere zu machen.

… und die Bürokratie hat geholfen zu verschleiern daß dieser Aufschwung nicht so beträchtlich war wie vorgegaukelt.

Von diesem Aufholprozess profitiert Deutschland gleich doppelt: Hiesige Firmen verkaufen mehr Waren dorthin.

Innerhalb der Eurozone mag dies vielleicht bis zu einem gewissen Grad zutreffen. Wenn man sich aber vor Augen führt, daß die verkauften Waren – meistens ja Sachwerte – in Euro bezahlt werden und nun die rosarote Brille abnimmt durch welche hindurch der Euro als homogene Währung mit homogener Verteilung der Stabilität zu sehen ist, sieht es nicht mehr so rosig aus. Der Euro ist eben, wie auch der Dollar, nur Zaubergeld.

In diesem Teil der Serie stößt mir nur noch auf, daß, wieder einmal, – und da liegt wohl eigentlich der Hase begraben – von “Deutschland” die Rede ist. “Deutschland” macht Gewinne und “Deutschland” kann auch mal Geld verlieren. Echt? Ist es nicht vielmehr so, daß die Gewinne hauptsächlich in private Taschen fließen, während die Verluste – bspw. aus geplatzten Bürgschaften – sozialisiert, also auf alle Bürger abgewälzt, werden? Und ist es nicht so, daß die privaten Taschen nicht immer die deutscher Bürger sind, auch wenn wir die ?

Wie gesagt, daß der Ausstieg realistisch ist, sehe ich auch nicht. Daher will ich nur kurz zu einer Überschrift aus diesem Teil Stellung nehmen:

Kommt die Drachme, bleiben die Euro-Schulden

Absolut korrekt. Oder um es einmal mit der Situation hier auf Island zu vergleichen: sackt die isländische Krone ab, bleiben die Schulden in japanischen Yen davon unbetroffen. Ganz richtig. Eine schwere Lektion welche sehr viele Isländer gelernt haben.

Aus dem letzten Teil der Serie entnehme ich auch nur, daß der Autor dem “Mythos” unbewiesene Behauptungen gegenüberstellt. Ein Nachweis ließe sich ohnehin nur mit dem Durchspielen beider Varianten in der Realität führen. Da man nur einen Weg gehen kann, wird dieser Nachweis wohl ausbleiben und eine Diskussion ist daher zu diesem “Mythos” müßig. Nachher ist man immer schlauer. Die Frage ist dann allerhöchstens ob man dann ein kleinlautes “hab ich’s doch gewußt” oder ein triumphierendes “hab ich doch gesagt” ausstoßen kann.

Insgesamt bietet die Artikelserie leider keinen Wissensgewinn und sicher nicht weniger unbewiesene Behauptungen als laut Meinung des Autors in den präsentierten “Mythen” stecken.

// Oliver

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